Aussehen und Sprache:

 

Beschäftigt man sich eingehend mit der Geschichte und dem Leben in der Bajuwarenzeit, so stellt sich früher oder später die Frage nach dem äußeren Erscheinungsbild und der Sprache der Bajuwaren, wie dieser Gästebucheintrag veranschaulicht:

 

Am 03.08.2008 um 18:35 Uhr schrieb Simone ( ohne Homepage )


HI!
Ich finde eure Seite echt interessant und gut gelungen.
Ich wollte nur mal fragen, ob ihr irgendwas noch vom Aussehen (Augen- und Haarfarbe,...) und über die damalige Sprache der Bajuwaren zeigen könntet.
Wäre echt toll

    


Wie mögen sie, abgesehen von der Tracht und dem Schmuck, ausgesehen haben? Welche Augen- oder Haarfarbe hatten sie? Wie groß wurden die Menschen? Wie hörte sich ihre Sprache an? Diese und weitere Fragen möchten wir, soweit möglich, versuchen zu beantworten.

Ähnlich wie bei der Rekonstruktion von Ausrüstungsgegenständen liefern die Reihengräberfelder eine Reihe von Indizien, die zur Beantwortung der Fragen führen. Zuerst aber ein kleiner Überblick, der die Komplexität der Fragestellung näherbringen soll.

 

Das Aussehen einer Population wird durch die Genetik ihrer Mitglieder bestimmt. So vermischten sich innerhalb von mehreren Jahrhunderten ab 200 n.Chr. verschiedenste germanische und nichtgermanische Stammessplitter, die in dem Gebiet lebten, das nachher den Bajuwaren zugeordnet wurde, nämlich vom Lech bis nach Tirol.


Dort lebten also Gruppen von Alamannen, Thüringern, Goten, Donausueben, Skiren, Langobarden, Franken, Markomannen, desweiteren Reste der romanischen Bevölkerung Rätiens und eine Vielzahl anderer Ethnien, die sich im Laufe der Zeit zu einer bunten Mischung vereinten.
Dieses Phänomen trifft nicht nur auf das Gebiet der Bajuwaren zu, sondern war bei annähernd jedem germanischen Stamm im Laufe der Geschichte normal. Anmerkung: Als Stamm versteht man oftmals nicht unbedingt eine homogene ethnische Gruppe, sondern vielmehr eine politische und geographische Zusammengehörigkeit vieler Stammessplitter.

 



So lassen sich natürlich anhand der metrisch erfassbaren Merkmale an Skelettserien keine eindeutigen Merkmale mehr erkennen, die dann einem einzelnen Stammessplitter zugeordnet werden können. Anhand der Schädel lassen sich noch am ehesten Merkmale von Gruppenzugehörigkeit aus anthropologischer Sicht erschließen.
Interessant in diesem Zusammenhang sind die regelmäßig in süddeutschen Gräberfeldern auftauchenden Skelette mit künstlich deformierten Schädeln, die im 5. und 6. Jahrhundert beigesetzt wurden. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Frauen, die wohl ursprünglich aus Ungarn, oder der Slowakei stammten.
Laut Untersuchungen entsprach das Völkergemisch, dass in der Spätantike im Gebiet der Räetia lebte im Großen und Ganzen dem frühen elbgermanischem Typus, ähnlich dem der frühen Alamannen. Der Schädel weist geringe Breitenmaße auf, was den Gesichtern eine hohe, schmale Form verleiht. Ausgeprägte Wangengruben und schmale, hohe Nasen, sowie rundlich begrenzte Augenhöhlen begegnen uns bei Schädeln dieser Zeit oft, und stehen im krassen Gegensatz zu den Schädelformen der provintialrömischen Restbevölkerung. Die Schädelproportionen dieser Gruppe verfügen über breitere Köpfe mit flachen, niedrigen Gesichtern und tief eingezogenen Wangengruben, sowie breiten Nasenöffnungen.

Ab 390 wandern verstärkt Gruppen von Elbgermanen ein, die aus Böhmen stammen (Baiowari - Leute aus Böhmen) und laut dem momentanen Stand der Wissenschaft den Bajuwaren ihren Namen gaben.
Diese Männer und Frauen der Friedenhain-Prestovice-Kultur lassen sich anhand der typischen Keramik in den Gräbern erfassen und metrisch bestimmen.

                                                                      

 

Der typische Bajuware: 

Natürlich sind die Messungen, wie in jeder Population, großen Schwankungen unterworfen. Mit den gewonnenen Erkenntnissen und den Informationen von Skelettuntersuchungen aus den großen bajuwarischen Reihengräberfeldern lässt sich jedoch nun das Bild des "Durchschnittsbajuwaren" darstellen.

Die Schädel der bajuwarischen Männern waren den der provintialrömischen Epoche ähnlich, verfügten aber über robustere, höhere, wuchtigere Gesichter und einem höheren, gewölbterem Schädeldach, was dem westeuropäisch-mitteldeutschem Typus entspricht.
Die Durchschnittsgröße beläuft sich auf recht stattliche 173,5 cm, was deutlich über dem Durchschnitt des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit liegt (vergl. 165cm). Erst seit ca 100 Jahren erhöht sich die Durchschnittsgröße der Männer wieder auf heutige 178cm.
Auffällig in diesem Zusammenhang ist, dass die ohne Waffenbeigabe bestatteten Männer im Schnitt 4-5cm kleiner, gedrungener und weniger grazil als ihre waffentragenden Gefährten waren. 

Bei den Frauen stellt sich die Sache grundlegend anders dar. Im Gegensatz zu den Männern, bei denen das Erscheinungsbild recht einheitlich ist, sind die Skelette der Frauen erheblichen individuellen Unterschieden unterworfen. Es lassen sich kaum untereinander gemeinsame Merkmale beobachten, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass viele Frauen weiterhin aus anderen Stammes- bzw. Kulturbereichen eingeheiratet wurden. So entsprechen viele der untersuchten Skelette der bajuwarischen Frauen eher einem westlichen, fränkisch oder alamannischem Typ, der dem frühen elbgermanischem Schädeltypus nicht unähnlich ist
Die Durchschnittsgröße der Frauen beträgt ca. 163,5cm, was ähnlich wie heute 10cm unter dem Durchschnitt der Männer liegt. Auch die bajuwarischen Frauen waren somit größer als diejenigen der nachfolgenden Epochen. Bei beiden Geschlechtern ist eine gering höhere durchschnittliche Körpergröße als bei den Alamannen zu beobachten, nämlich ca. 1,5 cm. Vielleicht weil der Genpool der Alamannen noch vielfältiger ist.

Schwieriger und spekulativer wird die Bestimmung des Aussehens, wenn es um Merkmale geht, die sich aufgrund der Verwesung nicht erhalten haben, nämlich der Haar- und Augenfarbe.
Man kann wohl davon ausgehen, dass die Haarfarbe in der Regel sowohl blond, rötlich und braun bis hin zu dunkelbraun sein konnte.
Die Augen werden wohl aufgrund der genetischen Zusammensetzung des Stammes ähnlich wie heute oftmals blau, grün, grau, oder braun gewesen sein.
Fassen wir die Daten also in einer Tabelle zusammen. Wie bereits erwähnt sind die Menschen einer Population erheblichen individuellen Schwankungen unterworfen. Somit stellt die Tabelle Mittelwerte dar:  

 

 

                        

Tabelle: messbare / spekulative Ergebnisse

Merkmale des 6. Jahrhunderts

männlich

weiblich

Typus

westeuropäisch, mitteldeutsch

westeuropäisch bis elbgermanisch

Schädelformen

einheitlicher, robust, eher wuchtig

stark unterschiedlich, westlicher

Körpergröße

173,5cm

163,5cm

Augenfarbe (spekulativ)

blau, grün, grau, braun

blau, grün, grau, braun

Haarfarbe (spekulativ)

blond, rot, braun

blond, rot, braun

mittlere Lebenserwartung

ca. 33 - 35 Jahre

ca. 29 Jahre (Gefahr,Kindsbett)

                                                                                                                      

 

Krankeiten und Verletzungen:

Das Leben im Frühmittelalter war hart. An vielen Skeletten lassen sich auch heute noch vielzählige Krankheitsbilder und Verletzungen diagnostizieren.
So weist durchschnittlich jeder zwölfte (!) Mann Kampfverletzungen auf, die sich meist im Bereich des Schädels, oder der Arm- und Beinknochen befinden und nicht selten zum Tod des Betroffenen führten. Die Art der Verletzungen legt nahe, dass der Bajuwarische Krieger in der Regel keinen Helm oder eine Rüstung trug. Kampfverletzungen bei Frauen beschränken sich auf "Parierfrakturen" der Unterarme.

 

Extrem häufig werden an den untersuchten Skelettserien Gelenks-athrosen aller Art gefunden. So weisen die meisten erwachsenen Männer Anzeichen einer beginnenden oder fortgeschrittenen Athrose auf, meist in den Kniegelenken.
Die Anzahl der ernstzunehmenden Athrosen konnte mit 36% bei den Männern und 18% bei den Frauen festgestellt werden.
Ebenfalls oft treten Schäden an der Wirbelsäule auf. So litten ca. 24% der Männer an krankhaften Veränderungen der Wirbelsäule, vornehmlich im Bereich der Lenden- oder Brustwirbelsäule, was auf harte Arbeit schließen lässt.
Auch bei den Frauen kann mit insgesamt 17% der Untersuchten ein hoher Anteil an Halswirbelschäden diagnostiziert werden, was auf langjährige Tätigkeiten mit gebeugtem Kopf  hindeutet.
Deutlich zeichnen sich am Skelett Knochenbrüche ab, die oftmals verheilt,  teilweise aber unverheilt waren. Demnach können bei ca. 25% der Männern Brüche beobachtet werden, die sich ähnlich anderer Kampfverletzungen im Bereich des Schädels und der Beine befinden. Bei den weiblichen Bajuwarinnen erlitten ca. 17% Knochenbrüche, die, wie bereits erwähnt, meist die Unterarme betrafen.

Untersuchungen der Zähne von den in Reihengräberfeldern bestatteten Individuen der Merowingerzeit legen dar, dass im bajuwarischen Stammesgebiet die Anzahl der von Karies befallenen Gebisse bei durchschnittlich 30-40% liegt, was verglichen mit heutzutage sehr wenig ist. (ca 99%  kariöse Gebisse) Es ist ein gewisser Unterschied zwischen den verschiedenen Gräberfeldern zu verzeichnen. So ist in manchen alamannischen Nekropolen der Karies-Befall fast doppelt so hoch wie bei den Bajuwaren, was wahrscheinlich an einer kohlenhydrat-reicheren Ernährung gelegen hat.
Neben den eben genannten Krankheiten und Verletzungen lassen sich außerdem eine Vielzahl anderer Leiden erkennen, wie z.B. Tumore, Tuberkulose, Geschwüre, Gicht, Gelbsucht sowie weitere Krankheiten, die sich an den Knochen nicht mehr abzeichnen.

Nicht zu vergessen sei die Pest, die nachweislich in der zweiten Hälfte des 6.Jahrhunderts in Europa wütete und wohl weite Teile so mancher Landstriche leer gefegt haben dürfte.