Die Entstehung der Bajuwaren:

Der Stamm der Bajuwen
tritt gegen
Ende der Völkerwanderungszeit ins
Licht der Geschichte. Die älteste Nachricht über die Bajuwaren ist in einem
Geschichtswerk über die Goten erhalten, das der Historiker Jordanes im Jahr 551
vollendet hat. Bereits kurz darauf taucht ihr Name in den Texten des Dichters
Venantius Fortunatus erneut auf. Beide Autoren berichten übereinstimmend, dass
östlich des Siedlungsraums der Sueben bzw. östlich des Lechs das Land Baiuaria
liegt, dessen Einwohner Baibari bzw. Baiovarii heißen.
Wer aber waren diese Bajuwaren und woher kamen sie so plötzlich?
So genau weiß man das leider bis heute nicht. Dr. Herwig Wolfram, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Wien, beschreibt die Bajuwaren sehr treffend als „ 'Findelkinder' der Völkerwanderung“. Sie erschienen plötzlich um die Mitte des 6. Jahrhunderts unter den damals bereits bekannten germanischen Völkern, wie Alamannen, Thüringern, Langobarden, Goten, Burgundern und Franken. Konnte es nun möglich sein, dass eine so große Region Europas in zentraler Lage plötzlich ohne schriftliche Dokumentation okkupiert werden konnte? Um diese Fragen zu beantworten, muss man sich die historische Entwicklung dieser Region ansehen. Das Land zwischen Lech und Inn gehörte in spätrömischer Zeit zur Provinz Raetia Secunda. Im Osten schloss sich die Provinz Noricum Ripense (Ufernoricum) an. Beide Provinzen verblieben bis zum Ende des Weströmischen Reiches unter dessen Oberhoheit. Da es jedoch immer wieder zu Einfällen germanischer Stämme kam, wurden zahlreiche Festungsbauten erstellt und auch Söldner von außerhalb des römischen Reiches angeworben. Aus der Lebensbeschreibung des hl. Severin (verfasst im Jahr 511 von Abt Eugrippius), der in den Gebieten entlang der Donau missionarisch wirkte und dort 482 starb, kann man entnehmen, dass das ungeschütze Land weitgehend aufgegeben war und die romanische Bevölkerung sich auf die Sicherheitsbereiche rund um die Kastelle konzentrierte. Nachdem der letzte römische Kaiser Romulus Augustulus von Odoaker abgesetzt worden war, versiegten die Soldzahlungen, so dass selbst die Sicherheit der Kastelle nicht mehr gegeben war. Die Herrschaft der Römer über die Provinzen Raetia II und Ufernoricum endete im Jahre 488 mit dem Aufruf Odoakers an die romanischen Siedler, nach Italien zurückzukehren. Nun war das Land offen für neue Siedler und Machthaber. In den weiteren Jahren stritten sich die Ostgoten und die Franken um diese Provinzen, bis schließlich um 536 Raetia und um 545 Noricum unter fränkische Herrschaft gerieten. Man sieht also das beide Provinzen unter ständiger Beobachtung mehrere Mächte standen. Niemals hätte sich da einfach so ein neues Volk niederlassen können. Trotzdem wird um 511 ganz selbstverständlich von den Baiovarii gesprochen.

In der archäologischen Forschung gilt als sicher, dass mehrere Volksstämme an
der Entstehung der
Baiovarii in der Zeitspanne vom 5ten bis zum Anfang des
6ten Jahrhunderts beteiligt waren. Dieser Vorgang wird als Ethnogenese
bezeichnet. Die verschiedenen Wurzeln der Bajuwaren lassen sich aber durchaus
archäologisch belegen. Die germanischen Söldner der Grenztruppen liegen in den
Grabfeldern bei den Kastellorten begraben. Die Grabungsfunde die z.B. in Neuburg
an der Donau oder in Straubing entdeckt wurden, sind Zeugen für die Verbindungen
der Söldner mit ostgermanisch-gotischen Stämmen, wie auch mit Elbgermanen, die
in Thüringen und Böhmen siedelten. Eine Gruppe, die während des 5ten
Jahrhunderts im Vorfeld des Limes lebte und auch Söldner für das römische Heer
stellte, fällt durch ihre besondere Keramik auf. Ihr Verbreitungsgebiet reicht
von Neuburg an der Donau bis nach Passau. Die Keramik wurde nach den beiden
Fundorten Friedenhain und Prest'ovice benannt. Dass sie sowohl in spätrömischen
als auch in germanischen Friedhöfen auftritt, bildet sie das kulturelle
Bindeglied zwischen Spätantike und frühem Mittelalter. Die Volksgruppe, die
diese Keramik mitbrachte war also ab der Mitte des 5ten Jahrhunderts an der
Neubesiedelung des offenen Landes außerhalb der Kastelle beteiligt. Neben den
elbgermanischen und romanischen Siedlern, deren Einfluss sich im Salzburger Land
und in Tirol bis ins 7te Jahrhundert nachweisen lässt, ist diese Gruppe eine
weitere Keimzelle der späteren Baiovarii. Anhand weiterer Grabfunde, lässt sich
beweisen dass im letzten Viertel des 5ten Jahrhunderts weitere Splittergruppen
nach Baiern kamen. Sie waren entweder westlich-merowingischer oder östlicher
Herkunft und gehörten zu alamannischen oder fränkischen bzw. zu thüringischen,
ostgotischen und langobardischen Volkssplittern. (Zu Bild1: Th.Fischer,
Verbreitungskarte von Keramik des Typus Friedenhain/Prestovice , Die Bajuwaren,
Ausstellungskatalog, Archäologische Staatssammlung München)
Mit der Entdeckung eines vornehmen Paares in Strasskirchen wurde der Beweis
erbracht, dass sich unter
den neuen
Ansiedlern des Donauraums um Regensburg auch Personen von hohem
gesellschaftlichem Rang und materieller Potenz befanden. Man kann zweifellos
davon ausgehen, dass diese Menschen die Region aufgrund der politischen und
wirtschaftlichen Vorraussetzungen gezielt als neue Heimat gewählt haben. Diesen
Reichtum werden sie sehr wahrscheinlich mit sich geführt haben und nicht in der
neuen Heimat erwirtschaftet haben. Man kann also vermuten, dass die Besiedlung
durchaus planmäßig von den jeweiligen Oberherren der Provinzen (Franken oder
Ostgoten) betrieben wurde, dass sich diese Vorfälle auch in anderen Gebieten
außerhalb des Donauraums ereigneten. In einem Gräberfeld 30 km nordöstlich von
München lässt sich ähnliches verfolgen: Zunächst Gräber alamannischer Prägung
sowie einer romanischen Restbevölkerung; es folgen Bestattungen langobardischer
und thüringischer Bevölkerungsteile und schließlich sind ostgotische Einflüsse
vorhanden. Während der ersten Hälfte des 6ten Jahrhunderts setzte sich dann der
fränkischer Einfluss durch, besonders seit das Land in fränkische Oberherrschaft
geraten war. Wie einst die Ostgoten sorgten nun die Franken dafür, dass
Gefolgsleute aus ihren Reihen die politische Macht repräsentierten. Bereits in
der zweiten Hälfte des 6ten Jahrhunderts, als der Bajuwarenstamm endgültig in
die Geschichtsschreibung eingegangen war, treten unter den Grabfunden die
fränkischen Einflüsse immer deutlicher hervor, gleichzeitig bildeten sich
typisch bajuwarische Eigenheiten heraus, wie z.B. die Eberhauer am Helm eines
Mannes in Grab 36 von Peigen. (Zu Bild1: Ausführung W.Hölzl, Das Frankenreich
der Merowinger und Baiern im 7.Jh. , Die Bajuwaren, Ausstellungskatalog,
Archäologische Staatssammlung München)
Das Schicksal der Bajuwaren, oder später Baiern, ist bis zum
Ende des
8ten Jahrhunderts eng mit ihren Herzögen, den Agilolfingern, verknüpft. Den
genauen Zeitpunkt der Übertragung der Amtsgewalt an die Agilolfinger durch den
fränkischen König kennen wir nicht. Spätestens 30 Jahre nachdem die Franken die
Provinz Raetia II von den Ostgoten übernommen hatten, erwähnt Gregor von Tours
in der Frankengeschichte einen bajuwarischen Herzog mit Namen Garibald. Der
fränkische König Chlothar I. nannte ihn „einen der Seinen“ und vermählte ihn mit
der Witwe König Theudowalds, der langobardischen Königstochter Walderada.
Demnach musste Garibald ebenfalls hochadliger Abstammung gewesen sein und
gehörte folglich einer der führenden fränkischen Adelsfamilien an. Trotz des
erbrechtlichen Anspruchs der Agilolfinger auf die baierische Herzogswürde, der
einmalig in der germanischen Geschichte ist, untermauert der entsprechende
Passus in der Lex Baiuvariorum zugleich auch ihre feste Bindung an die
merowingischen Könige. Es konnte nämlich nur derjenige Agilolfinger Herzog
werden, der dem König auch treu ergeben war. Dieser Zwiespalt, der einerseits
aus einer erblichen und damit unabhängigen Herzogswürde und andererseits aus der
engen Gebundenheit an das fränkisch-merowingische Königshaus resultierte, führte
immer wieder zu Konflikten zwischen den baierischen Herzögen und
den fränkischen Königen.
Der Niedergang der merowingischen Königshauses und der Aufstieg eines neuen Adelsgeschlechts – der späteren Karolinger – an die Spitze der fränkischen Macht brachte es mit sich, dass die Agilolfinger zeitweise über mehr Handlungsspielraum und Unabhängigkeit verfügten. Das bedeutete für sie einen Zuwachs an Macht und Stärkung ihres Einflusses innerhalb des frühmittelalterlichen Europa. Daraus erwuchs eine zunehmende Rivalität zu den neuen fränkischen Machthabern. So zeichnete sich die altbaierische Geschichte bis zu ihrem letzten Herzog Tassilo III. vor allem durch die wechselhaften Beziehungen zu den Franken aus. Erst Karl dem Großen gelang es, Tassilo III. abzusetzen und die Agilolfinger ihrer anbestammten Herzogswürde zu berauben. Damit endete der erste Abschnitt der baierischen Geschichte, die bis heute von großem Unabhängigkeitsstreben geprägt ist.
Quelle: „Die Bajuwaren – Nachbarn der Franken“ von Uta von Freeden aus „Die Franken – Wegbereiter Europas“
Mehr zu den Bajuwaren im Raum Ingolstadt gibt es unter folgendem Link: Bajuwaren im Raum Ingolstadt