Waffen der Merowingerzeit
Mehr als die Hälfte der Männer der früheren Merowingerzeit wurden auch im bajuwarischen Gebiet mit vollem Waffenschmuck bestattet. Dabei reichen die Grabinventare von einfachen Waffen die auch als Werkzeuge Verwendung fanden bis hin zu qualitätvollen und aufwendigen Statuswaffen, die nur der reichen Oberschicht vorbehalten waren. Offensichtlich ist auf jeden Fall, dass die Waffenbeigabe ein wichtiger Bestandteil des Bestattungsritus waren. Bei der Bestattung war es also anscheinend unbedeutend, welchem Beruf oder Handwerk der Mann in seinem Leben nachging. Im Jenseits wollte man als Krieger auftreten.
Hier eine Übersicht von typischen bajuwarischen Waffen der Zeit um 580-600 n.Chr.:
Der Speer:
Eine der häufigsten Waffen war mit Sicherheit der Speer
(germ. Ger), in größerer Ausführung auch Lanze (germ. Frame) genannt. Das
häufige Auftreten von eisernen Speerspitzen in den Gräbern ist wohl mit seinen
vielfältigen Vorteilen, die er aufweist, zu begründen. Als billige Waffe, war er
wegen seinem geringen materiellen Umfang und seiner relativ einfachen
Herstellung für fast jedermann erschwinglich. Die hohe Reichweite im Gefecht und
auch die Möglichkeit, den Gegner durch einen gezielten Wurf zu erledigen war ein
weiterer nicht zu unterschätzender Vorteil. Der Speer konnte auch in der Jagd
Verwendung finden.
Die Größe der Speerspitzen kann je nach Region
und Zeit erheblich schwanken. Im Groben kann man den kleineren „Wurfspeer“ oder
„Spieß“ von der
größeren, massiveren „Lanze“ unterscheiden. Im Laufe des
sechsten Jahrhunderts nahmen die Ausmaße der eisernen Spitzen immer weiter zu,
um im ersten viertel des siebten Jahrhunderts allmählich wieder gedrungener zu
werden. Formlich sind die Speerspitzen nicht allzu großen Schwankungen
ausgesetzt. Sie sind meist „lorbeerblattförmig“, gegen Ende des sechsten
Jahrhunderts vermehrt mit Mittelrippe versehen. Ebenfalls treten in dieser Zeit
reine Reiterlanzen auf, die wohl auf einen awarischen Einfluss zurückzuführen
sind und massive, vierkantbolzenartige Spitzen aufweisen. (zum Bild: Wurfspeer
)
Der Sax:
Es handelt sich hierbei um ein sogenanntes
einschneidiges Hiebschwert, heutzutage würde man vielleicht Machete dazu sagen.
Die auffällige Häufigkeit in den Gräbern ist ebenfalls offensichtlich. Auch als
Werkzeug wie als Waffe zu verwenden bietet der Sax vielfältige Möglichkeiten,
und war deshalb aus dem Leben des bajuwarischen Mannes nicht wegzudenken. Der
Sax wurde an einer oft aufwendig mit Nieten und Leisten verzierten, ledernen
Scheide an der linken Seite getragen. Diese Scheide war anscheinend fest mit dem
Leibgurt des Mannes
verbunden. Der Griff bestand wie bei allen Waffen aus organischem Material, also
Holz oder Bein und wurde meist mit einem kleinen Knauf aus Bronze oder Eisen am
unteren Ende mit der Angel vernietet. Die Klinge war meist aus homogenen, also
nicht damasziertem Stahl gefertigt. Zierrillen, oder in seltenen Fällen auch
Punzierungen waren die einzigen Verzierungen der Saxklingen. Diese wiesen
oftmals einen sehr wuchtigen Klingenrücken (bis 10 mm breit!) auf, was den Sax
zum robusten Werkzeug für grobe Arbeiten, sowie zur gefürchteten Waffe machten.
In seiner Anfangsphase als leichtere, stichgeeignete Waffe ausgelegt, macht er
im Laufe des sechsten Jahrhunderts eine Entwicklung zur breiten, langen
Hiebwaffe durch, die der Sax im siebten Jahrhundert ist. In späteren Merowingerzeit nimmt der Sax
teilweise schwertartige Form an und wird als Langsax bezeichnet, bis er langsam
aus der Mode kommt. (zum Bild: Sax aus Grab 181 in Westheim, Klinge von Frank
Trommer)
Die Axt:
Äxte waren seit jeher Werkzeug und Waffe zugleich. Wohl in
jedem bajuwarischen Haushalt zu finden, tritt sie auch in den Grabinventaren der
Männer wieder auf. Für die Beschaffung gilt wohl selbiges, wie beim oben
genannten Speer. Obwohl die Axt eher als Werkzeug, denn als Waffe angesehen
werden muss, weist sie jedoch mehrere Vorteile im Kampf auf. Durch die Wucht und
die Keilwirkung konnte man sie sicherlich als Schildzerschmetterer gut
verwenden. Auch der „Bart“ ermöglichte es, sich beim Schild des Gegners
einzuhaken und ihn mit einem Ruck zu entreißen oder zumindest die Deckung zu
öffnen. Im Notfall konnte sie, wie eigentlich alles auf dem Schlachtfeld, auf
den Gegner geworfen werden. Dabei erreichten anscheinend die Franken großes
Geschick. In einer anderen Form wurde sie bei den Franken sogar eine Art
Statussymbol. Die Wurfaxt, auch Franziska genannt, weist eine geschwungene,
elegante Form und eine schräg in den Keil verlaufende Schäftung auf.
Eben diese Form
veranlasste die Archäologen sie als Wurfwaffe zu bezeichnen, was ich persönlich
aber kritisch betrachte. Erprobungen zeigen, dass diese Axt wegen der Rotation
nur in bestimmten Abständen zum Ziel geworfen werden können. Trifft die Axt aber
ein festes Ziel, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Stiel abbricht. Der
Gegner jedoch ist mit Sicherheit ausgeschaltet.
Im Laufe des sechsten Jahrhunderts verschwindet die Franziska in Gräbern ohnehin immer mehr, bis sie um 600 zumindest in bajuwarischem Gebiet nicht mehr zu finden ist. Die Bartaxt hält sich noch länger in den Funden. (zu den Bilder: Links eine Bartaxt, rechts eine Franziska)
Pfeil und Bogen:
Materiell war der Bogen wohl eine der billigsten Waffen, musste jedoch von begabten Handwerkern hergestellt werden. Er bestand natürlich aus Holz, was das Auffinden in Gräbern nur in Sonderfällen gewährleistet. Erhalten haben sich nur die eisernen Pfeilspitzen, die aber nur in seltensten Fällen als Köcherinhalt bezeichnet werden können, da sie meist nur in geringer Stückzahl beim Bestatteten liegen und wohl als symbolische Beigabe betrachtet werden können. In Oberflacht fand man mehrere bis 1.90 Meter lange Bögen die aus Eibenholz bestanden und ein Zuggewicht von 35 Kilogramm. Die Schussweite dieser Bögen betrug rund 150-200Meter, was in der damaligen Zeit die größte erdenkliche Reichweite einer Waffe darstellte. Die enorme Durchschlagskraft und Geschwindigkeit der Pfeile machten den Bogen zu einem außerordentlich gefährlichen Instrument. Er fand selbstverständlich auch als Jagdwaffe Einsatz. Gegen Ende des sechsten Jahrhunderts kommen von Osten die awarischen Reiterbögen mit dem bajuwarischen Krieger in Kontakt, finden aber in den Gräbern keinen Niederschlag.
Die Spatha:
Das große, breite Schwert der germanischen Männer wurde
schon von den Römern als Spatha bezeichnet, von den Germanen allerdings
weiterhin als „soert“ oder „svert“ genannt.
Es handelt sich um die einzige reine Waffe ohne weitere Funktion als Werkzeug. Diese sehr teure und aufwendig herzustellende Waffe war im späten sechsten Jahrhundert noch nicht zum Fechten, sondern rein als Hieb- oder Stichwaffe geeignet. Die bis zu einem Meter langen Waffen wiesen eine 4-6cm breite parallel verlaufende Klinge mit relativ runder Spitze auf.
Die große Kehlung in der Mitte der Klinge wird
fälschlicherweise als Blutrinne bezeichnet. Ihr kommt vielmehr die Funktion der
Gewichtserleichterung zu. Der Kern der Klinge konnte damasziert sein, was
bedeutet dass man durch aufeinanderschmieden und verdrehen kohlenstoffarmen
Eisens mit kohlenstoffreichem Stahl ein Material herstellte, das elastischer und
härter war. Die Schneiden bestanden aus Stahl und wurden nach Anfertigung des
Kerns angeschweißt. Die Grabinventare im bajuwarischem Gebiet weisen auch
Klingen auf, die aus homogenem Material (ohne Damast, nur aus Stahl) hergestellt
wurden. Da es sich dabei aber oftmals um qualitätvolle Schwerter aus reichen
Fundzusammenhängen handelt, legt den Entschluss nahe, dass es nicht unbedingt
des Damaszieren bedurfte um eine gute Klinge herzustellen. Die Griffe der
Schwerter im sechsten Jahrhundert waren meist recht unauffällig aus Holz oder
Bein gefertigt und nur über einen kleinen, oft auch unverzierten Bronzeknauf mit
der Angel vernietet. Lediglich überdurchschnittlich reiche Schwerter dieser
Zeit, oder Importe aus Skandinavien weisen kompliziertere, aufwendigere Griffe
auf (Siehe „das Köschinger Ringknaufschwert“). Die Scheiden der Spathas
bestanden aus Holz, die teilweise mit Fell oder Filz gefüttert, die Klinge
„fetteten“ und ein Herausgleiten verhinderten.
Die Scheide konnte beschnitzt und bemalt, mit Leder oder Stoff bezogen, bestickt, mit Bast umwickelt oder mit Schnüren verziert sein. Bronzerne Ortbänder oder Mundbleche verschwinden im Laufe des späteren sechsten Jahrhunderts fast vollständig. Lediglich Scheidenrandbeschläge, die die Scheide vor dem Druck und der Reibung des Schwertgurts schützen treten noch häufiger auf. Dafür nimmt gegen Ende des sechsten Jahrhunderts die Aufwendigkeit der Gurtbeschläge und Schnallen, sowie die der Schwertaufhängungen zu. Wo der Schwertgurt früher nur mit einer meist aus Eisen bestehenden, einfachen Schnalle geschlossen wurde, und das Schwert mittels Wicklung oder eines Holzsteges am Gurt befestigt wurde, treten in dieser Zeit komplizierte Schwertgehänge mit mehreren rechteckigen Beschlägen(Typ Weihmörting) auf. Diese bestanden oft aus Bronze und wurden reich mit Punzierungen, Ritzungen und Niello verziert. Jedem, den das Thema „Spatha“ interessiert empfehle ich das Buch „Das Schwert im frühen Mittelalter“ von Willfried Menghin. (zu den Bildern: Kaylars Nachbau des Ringknaufschwertes von Kösching;Grab 2c)
Der Schild:
Der Schild ist die einzige Schutzwaffe, die der bajuwarische
Krieger besaß. Von runder Form und durchschnittlich 80-100cm breit, bestand er
immer aus mehreren Leisten Holz (zB. Linde), die miteinander verleimt waren.
Zusätzlich kann man von einer kompletten Rohhautbespannung ausgehen, die dem
Schild zusätzliche Stabilität verlieh. Bunte Bemalung der Schildvorderseite ist
denkbar und wahrscheinlich. Die Hand wurde von einem schweren eisernen
Schildbuckel geschützt, der auf der Vorderseite des Schildes mit dem Holz
vernietet war. Die Hand des Kriegers umfasste eine meist eiserne Schildfessel,
die sich auf der Rückseite befand. Mehrere Funde von abgewinkelten
Schildbuckelkragen und gebogenen Schildfesseln legen das Vorkommen von gewölbten
Schildkörpern nahe, die meiner Meinung nach aber eher zu berittenen Kämpfern
gehören. Die Schildbuckel entwickeln sich im Laufe des sechsten Jahrhunderts von
gedrungenen, kegelförmigen Exemplaren mit pilzförmigen Abschluss (siehe Foto),
zu runderen, spitzkalottigen Modellen. Der Schild konnte bei besonders reichen
Männern Appliken aus vergoldetem Messing oder Kupfer aufweisen. Auch vergoldete
oder silberplattierte Schildnägel zur Befestigung des Buckels sind belegt.
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Waffenpflege:
Zum Pflegen und Instandhalten der Waffe wurden vielerlei Dinge verwendet. Um Metallteile von Rost zu befreien konnte man Leinen mit ölgeträngtem Sand auf der Oberfläche verreiben und als "Schleifpapier" anwenden. Wenn ein feineres Ergebnis gefordert wurde, konnte man anschließend mit feiner Asche nachpolieren. Um Metallgegenstände auf Hochglanz zu polieren reicht es oftmals aus, einfach ein fein gewebtes Stoffstück wieder und wieder über die Fläche zu reiben. Ergänzt durch eine Politur, die für die entsprechende Metallart ausgewählt wurde, lässt sich ein gutes Ergebniss erzielen. Auf dem Bild zu sehen ist ein Säckchen für die Feinpflege von Waffen und deren Griffteile. Streifen aus feiner Wolle werden mit Bienenwachs eingerieben, und damit die Griffteile der Waffe poliert. Neben einem schönen Glanz ergibt sich auch noch einer erhöhte Witterungsbeständigkeit. In einem tönernen Röhrchen befindet sich "Blutstein-Pulver" das, aufgetragen auf einem Leinentuch, zu Polieren von Feuervergoldungen dient. |
Zusammenfassung:
Reine Waffen waren wichtig, aber nicht für jedermann erschwinglich.
Ärmere Männer kämpften mit Äxten, Speeren, Pfeil und Bogen, Saxen und Schild.
Reichere Männer hingegen führten die Statuswaffe Schwert zusätzlich zu Lanze, Sax und Schild. Wie kriegerisch das Leben in der früheren Merowingerzeit wirklich war, zeigen viele Funde von tödlichen Hieben, die sich noch heute am Skelett abzeichnen. Rund jeder 15. bestattete Mann erlitt brutale Verletzungen, von denen er sich nur schwer oder nicht mehr erholte. Ein Beispiele hierzu ist recht „schön“ auf dem Fotos (aus Die Bajuwaren - von Severin bis Tassilo, Ausstellungskatalog) zu erkennen.
Geschrieben von Kaylar